Als die Hirschmatt-Buchhandlung mit Papier überschwemmt wurde

Beim Blick auf die Branchen-Statistik stehen mir die Haare zu Berge.

Schon wieder wurden weniger Bücher als letztes Jahr verkauft. In der Deutschschweiz, in der ganzen Schweiz oder irgendwo in Europa: überall dasselbe Lied – Jahr für Jahr.  

 

Trotzdem gibt es uns noch – und das seit über 30 Jahren.

Schon in den 90er Jahren hörten wir die ersten Unkenrufe, das Buch würde bald aussterben. Aber wir glauben an das Buch, vor allem an den besonderen Wert des gedruckten Buchs. Ich lege noch einen drauf: Wir glauben insbesondere an den Mehrwert von aufwändig schön gestalteten Büchern.

 

Eines Tages mussten wir ihn fast aufgeben – nicht den Glauben ans Buch, aber unseren Laden. Dass es nicht soweit kam, dafür steht eine Endlosserviette. Genannt auch: Toilettenpapier.  

 

Wenn ich die Geschichte aller Freuden, Hoffnungen und Tragödien der Hirschmatt Buchhandlung einmal in einem Buch beschreiben würde, bekäme es den Titel „Meine grosse Leidenschaft“ Autor: Jörg Duss. Oder doch «Meine grosse Liebe?» Nein, die gehört Anita, meiner Frau. Es wäre jedenfalls ein dickes, schön gestaltetes Exemplar der Büchergilde Gutenberg.

Dicke Bücher wirken erotisch auf Leseratten, nicht wahr? Nehmen wir es doch einmal in die Hand. Schlagen wir es auf, atmen tief ein… und tasten uns durch die Seiten.

 

Tückische Hexen und mächtige Zauberer

hiesse eines der ersten Kapitel. So ungefähr auf Seite 88 würdest du erfahren, dass uns eines Tages Bilderbücher gestohlen wurden – mehrmals, in grossen Mengen, und immer über Hexen und Zauberer. Waren da tückische Hexen oder mächtige Zauberer am Werk? Der Täter war leider nur ein Mensch. Schwungvoll liess er die Bücher in eine grosse Tasche verschwinden und hielt seine Visage in die Überwachungskamera (leider keine Hakennase mit Dornwarze, kein schillernder Zauberhut). Er war sofort geständig. Er hatte unsere Hexen- und Zauberer-Bücher an Antiquariate weiterverkauft. Mit diesen arbeiten wir sonst gerne zusammen – unter anderen Umständen.

 

Erotik in der Fastenzeit

Im Kapitel «Bücher und mehr», ungefähr ab Seite 220, würde ich dir von unseren spannenden Lesungen erzählen. Auch unsere Schaufenster-Geschichten haben es in sich. Sie entstehen mit den vielen Menschen, welche Tag und Nacht auf den Bus warten. Dem Büchergott sei’s gedankt: Die Fenster sind nie verschmiert worden. Auch wenn das Thema Erotik in der Fastenzeit nicht bei allen Leuten gut angekommen ist. Und von Eltern geklagt wurde, der Mann mit dem Messer in den Rippen mache ihren Kindern Angst. Einmal hätten wir Themen-Dekoration erfolgreich verkaufen können: alte Militärschuhe. Die Bücher zur Abschaffung der Armee dagegen (schön pro und kontra) waren weniger gefragt.

 

Behaglichkeit mitten in der pulsierenden Luzerner Altstadt

Zum «Mehr» in «Bücher und mehr» gehören die Werte. Inmitten der schnelllebigen Welt, in der wir oft wie in einem Hamsterrad spulen, brauchen wir einen Ort der Behaglichkeit. Zum Beispiel bei uns mitten in der pulsierenden Luzerner Neustadt. Vielleicht gibt es uns deswegen immer noch. Weil unser Laden einer grossen Bücherstube ähnelt, wo noch der Boden knarrt und du die Werke riechen kannst. Weil wir für unsere Kundinnen und Kunden eine qualitative Auslese präsentieren können und sie nicht qualvoll im Büchermeer ertrinken.

 

Die Kunden schwatzen gerne mit uns

Rückblickend ist unser Erfolg somit auch auf unseren richtigen Riecher beim Bucheinkauf zurückzuführen. Erst letzte Woche sagte uns Frau Pfister*, sie käme immer wieder gerne, weil sie unseren Empfehlungen vertraue. Ausserdem schwatzen die Kunden gerne mit uns: Wir kennen das Lieblingsbuch von Herrn Sägesser*. Hat jemand geheiratet, wissen wir das als erste! Und für alle, die bei unseren geschätzten Mitbewerbern enttäuscht wurden: «Gibt’s nicht mehr gibt’s nicht.» Hier kommen die Buchantiquariate wieder ins Spiel.

 

Schattige Seiten 299-357

Oder sind wir nicht mehr wegzudenken, weil wir unsere Kunden ab und zu – Krimi ahoi – einfach einsperren? Da habe ich jetzt aber im Buch vorgegriffen. Gilt nicht!

Blättern wir also schön der Reihe nach weiter zu den Seiten 299 – 357. Es sind, jawohl, die schattigen Seiten. Das gehört zum Leben und damit zur guten Literatur. Wir würden sonst bei den sonnigen Seiten kein Glück mehr empfinden.

Eines Tages mussten wir den überraschenden Tod unseres Ladenchefs verkraften. Er prägte die Hirschmatt Buchhandlung durch seine Persönlichkeit und Kompetenz und war bei unseren Kunden hoch angesehen. Es ist noch nicht lange her, seit Andreas Wolfisberg von uns gegangen ist.

 

Die Zahlen wurden deutlicher und bedenklicher

Noch viel früher hatte uns das Leben ganz anders zu schaffen gemacht. Eine dringend nötige Investition stand uns bevor. So bauten wir 2001 zum zweiten Mal um, nachdem wir die Räume des Porzellangeschäfts Antal Gyukity im ersten Stock übernehmen konnten. Die Hirschmatt Buchhandlung wurde grösser und heller – aber die Zahlen in der Buchhaltung deutlicher und bedenklicher. Obwohl wir den Umbau dank wohlwollender Einlagen unserer Aktionäre stemmen konnten, spürten wir die finanziellen Nachwirkungen in den Folgejahren. Zusätzlich machte uns das grosse Bücherlager zu schaffen. Ich sage nur ein Wort: Ladenhüter! Wir taumelten am Rand des Abgrunds – mussten wir aufgeben?

 

Eine gewagte Taktik

Wir gaben nicht auf. Was half uns, wieder festen Boden unter den Füssen zu finden? Unter anderem änderten wir resolut unsere Einkaufspolitik. Wir kauften weniger Bücher und vertrauten damit punkto Erfolgspotential auf unseren Riecher. Unsere Kunden erhielten somit weniger, aber eine qualitativ bessere Auswahl im Laden. Diese Taktik war gewagt, aber sie zahlte sich aus. Unsere treuen Kunden blieben treu. Dank unseres guten Namens unterstützten uns zudem die Bücherverlage mit besseren Konditionen.

 

Die Überflutung

Vielleicht bin ich manchmal ein wenig zu pingelig. Aber ich denke, grundsätzlich haben uns meine hochgehaltene Sorgfalt und mein Kostenbewusstsein geholfen. Ein Bespiel ist, und jetzt kommt sie: die Geschichte mit dem Toilettenpapier (Seite 333, mit einem Zettelchen markiert!). Später konnte ich darüber lachen, damals jedoch... Es ist nicht etwa so, dass wir daran gespart haben. Nicht etwa, dass wir die Mitarbeiter nötigten, es von nun an selbst mitzubringen. Nein, wir wurden plötzlich damit überflutet.

Früher ist man ja noch viel mehr versucht worden, sich am Telefon etwas andrehen zu lassen. Wenn dann der Preis stimmte, ist man schon mal weich geworden… weich wie hoffentlich … na ja. So lagerten eines Tages nicht Bücher, sondern Super-Mega-Packungen à 64 Rollen WC-Papier in unserer gemütlichen Buchhandlung: im Bücherlager, in meinem Büro, im Dekoräumchen. Und auch im Schaufenster. Motto: Ihre Lektüre fürs Stille Örtchen.

 

Ein Riesengelächter in der Chorprobe

In unserer Platznot versuchte ich, die Endlos-Servietten unseren Mitarbeitern, Nachbarn und sogar meinen Gesangskollegen zu verkaufen: «5 % günstiger als im Warenhaus!». In der Chorprobe sorgte ich für ein Riesengelächter. Da musste ich halt durch. Nach der Probe kam dann aber einer nach dem anderen: «Wir können das auch brauchen. Bringst mir das nächste Mal einen Pack mit.» Wenn ihr euch also an einen Mann im 1 er-Bus Richtung Kriens-Obernau erinnert, der des öfteren Superpackungen Toilettenpapier mit sich führte: Das war ich. Was uns natürlich auch einen Beitrag in der Fasnachtszeitung bescherte – durchaus eine Ehre!

 

Gnädig ein paar Häppchen

So sind 30 Jahre vergangen, in denen wir uns zu einer erfolgreichen Buchhandlung entwickelt haben. Zehn Hirschmättlerinnen und Hirschmättler inklusive des nie ausgelernten Chefs sorgen dafür, dass unsere Kunden zu ihrem Futter kommen. Das geht soweit, dass wir sie manchmal resolut mit den Büchern einschliessen und ihnen gnädig ein paar Häppchen und Getränke überlassen. Das begehrte Angebot heisst «Buchgenuss nach Ladenschluss».

 

Rückzugsort aus dem Alltag

So wie unsere Buchhandlung ein Ort der Behaglichkeit ist, ist auch das Buch ein Rückzugsort aus dem Alltag. »Wenn es mir schlecht geht, gehe ich nicht in die Apotheke, sondern zu meinem Buchhändler«, sagte schon der Schriftsteller Philippe Dijan. Du kannst in eine andere Welt eintauchen. Es gibt keine popup-windows, keine einfliegenden News auf den Seiten. Du und dein Buch: Ihr erlebt ungestörte Zweisamkeit. Du kannst es fühlen. Du kannst es riechen. Du kannst es sehen.

Dieses Glücksgefühl kann dir niemand nehmen.

Das letzte Kapitel von «Meine grosse Leidenschaft» heisst deshalb: Ausatmen. Es ist deine Zeit.

 

Warum sind wir Buchhändler?

Weil wir daran glauben, dass es den Menschen immer dann besser geht, wenn sie sich Zeit nehmen.

 

Es ist deine Zeit. 

 

Wir tragen dazu bei, indem wir für unsere Kunden da sind. Denn es ist ihre Zeit. Wir bieten ihnen eine behagliche und persönliche Laden-Atmosphäre. Und wir sorgen für ihre ungestörte Zweisamkeit mit schönen Büchern.

 

30 Jahre Hirschmatt Buchhandlung. Wir sagen Danke.

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*Name geändert